Buddhismus, Spiritualität
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Atem(los)

Tauchen
Dieser Artikel erschien bereits am 07.01.2014 auf meinem Blog. Nach dem Redesign und dem Re-Fokus von snowinsoho habe ich entschieden, ihn erneut zu publizieren. Und, nein, dieser Text hat nichts mit Helene Fischer zu tun.

In meiner zweiten »Selbsterfahrungswoche« zu einem achtsamen Umgang mit mir selbst habe ich meinem Atem etwas genauer unter die Lupe genommen. Der natürliche Atemreflex ist so stark, dass es uns nicht gelingt, nicht zu atmen. Nach kurzer Zeit, zerreißt es uns förmlich – und die Lungen schreien nach Luft.

Die Atmung ist die Oxidation eines energiereichen Stoffs (…) unter Reduktion eines externen, Elektronen akzeptierenden Stoffs (…), wobei ein (großer) Teil der freiwerdenden Energie dieser Redoxreaktion durch Synthese energiereicher Moleküle chemisch gespeichert wird. Wikipedia

Aber ist das wirklich alles?

Tauchen

In der Kleinstadt, in der ich meine Kindheit verbringen durfte musste, gab es (noch) ein Freibad mit Springer-Becken und einem Fünf-Meter-Turm. Mit gut sechs Metern Wassertiefe ist es besonders tief. Mir bereitete es als Jugendlicher viel Vergnügen, bis auf den Grund dieses Beckens zu tauchen. Dabei wollte ich möglichst lange unten bleiben, die gedämpften Geräusche der Springer hören und die anderen Schwimmer oben an der Wasseroberfläche beobachten.

Die Lungen voller Luft, kam ich vor lauter Auftrieb allerdings kaum nach unten an den Grund. Also atmete ich an der Oberfläche immer wieder tief ein und aus, senkte durch dieses Hyperventilieren den CO2-Spiegel im Blut, so dass der Atemreflex beim Abtauchen später einsetzte (zu irgendwas musste mein DLRG-Training ja gut sein).

Am Ende atmete ich bedächtig aus – und ließ mich in die Tiefe ziehen. Fasziniert davon, wie schnell ich ohne Aufwand und Auftrieb sinken konnte, wenn meine Lungen nicht mit Luft gefüllt waren. Erschreckt davon, wie lange ich dann brauchte und wie viel Kraft ich aufwenden musste, um ohne diesen Auftrieb wieder an die Wasseroberfläche zurück zu kehren. Manches Mal pochte das Blut heftig in meinen Ohren und das Zwerchfell zuckte – der Körper gierte nach Sauerstoff.

Trotz starker Stöße mit den Beinen und kräftigen Schwimmzügen mit den Armen gelang es mir tatsächlich nur schwer, dass eigene Körpergewicht zu überwinden und nach oben zu schwimmen. Es klappte fast besser, wenn ich mich ohne Luft in den Lungen bis auf den Grund des Beckens sacken ließ, um mich von dort kräftig mit den Füßen vom Boden nach oben abzustoßen.

Dean’s Blue Hole

Vielleicht stand diese Lust am Spiel mit der (fehlenden) Luft und dem Sinken im Wasser ja auch am Anfang der Karriere des Apnoetauchers Guillaume Nery? Die Aufnahmen seines Tauchgangs im »Dean’s Blue Hole« rauben mir – im wahrsten Sinne des Wortes – den Atem.

»Dean’s Blue Hole« liegt in einer Bucht westlich von Clarence Town auf Long Island, einer der Inseln der Bahamas im Nordatlantik. Es ist mit 202 m Tiefe das mit Abstand tiefste Blue Hole der Welt. Der 202 m tiefe Trichter ist kreisförmig und 25 bis 30 Meter breit. Nach 20 Metern Tiefe beginnt die eigentliche Höhle mit einem Durchmesser von bis zu 100 m. Diese ist die zweitgrößte bekannte Unterwasserhöhle und die neuntgrößte Höhle der Welt. Wikipedia

Wie unser Herzschlag folgt auch unser Atem einem Rhythmus, einem ständigen Wechsel von Ein- und Ausatmen. Wie Ebbe und Flut, Tag und Nacht, Sommer und Winter – auch die Natur pulsiert und atmet.

Selbst unser Planet scheint zu atmen und zu pulsieren. Wie ein Metronom spiegeln die Jahreszeiten den Takt der Natur.

Unser atmender Planet… Montage von John Nelson

Zu Atmen bedeutet, zu kommunizieren

Atmen bedeutet, mit der Umwelt zu kommunizieren. Beim Ausatmen geben wir etwas von uns nach außen ab, beim Einatmen nehmen wir etwas in uns auf. Da alle atmenden Lebewesen das so machen, sind wir auch alle durch die Atemluft verbunden. Selbst unsere Stimmungen, Emotionen und Gedanken teilen wir anderen dadurch mit.

Ethen

Ethen wird von Pflanzen ausgehend von der Aminosäure Methionin synthetisiert.

Das gasförmige Ethen – das auch von reifenden Tomaten verströmt wird – ein Pflanzenhormon. Es steuert den Reifeprozess und wird von allen Pflanzen gebildet. Es ist auch der Grund dafür, dass die Bäume im Herbst ihr Laub abwerfen.

Mit Hilfe von Ethen und verschiedenen Terpenen, die über die Spaltöffnungen der Blätter in die Luft abgegeben werden, warnen sich Bäume untereinander vor Schädlingen.

Goethes letzter Atemzug

Unser Atem begleitet uns das ganze Leben lang, vom ersten Atemzug kurz nach der Geburt bis zum letzen Hauch beim Sterben.

Ist es vorstellbar, dass auch wir Informationen von anderen Menschen über unsere Atemzüge einatmen?

Mit seinem letzten Atemzug soll Goethe angeblich noch nach »Mehr Licht!« gerufen haben. Atmen wir womöglich heute noch Moleküle aus diesem letzten Atemzug des Dichters und Denkers ein?

Mit etwas Mathematik und Physik sollten wir in der Lage sein, das zu berechnen:

  • Luftdruck
    p=1,01325*10^{5}\frac{N}{m^2}
  • Dichte der Luft
    d=1,184\frac{kg}{m^3}
  • Erdradius
    R=6.370 km
  • Erdbeschleunigung
    g=9,81\frac{m}{s^2}
  • Atemzugvolumen
    V_A=1\frac{l}{Atemzug}

Gesamtmasse M_A der Erdatmosphäre

Multipliziert man den Luftdruck

p=1,01325*10^{5}\frac{N}{m^2}

mit der Oberfläche O der Erdkugel, so erhält man das Gewicht G_A der Erdatmosphäre:

G_A=1,01325*10^{5}*4*\pi*R^{2}=1,01325*10^{5}*4*\pi*(6.370*10^{3})^{2}=5,17*10^{19} N

Aus

G_A=M_A*g

folgt

M_A=\frac{G_A}{g}

Somit ergibt sich die Gesamtmasse der Erdatmosphäre zu

M_A=5,17*10^{18} kg

Masse m der Luft, die pro Atemzug in die Lunge gelangt

Das Atemvolumen eines erwachsenen Menschen liegt zwischen 0,5 und 2 Liter. Näherungsweise wird hier ein Wert von einem Liter Luft pro Atemzug angenommen. Bei einer Luftdichte

d=1,184\frac{kg}{m^3}=1,184\frac{g}{l}

gelangen somit bei jedem Atemzug ca.

m=1,184g

Luft in unsere Lungen.

Anzahl N der Luft-Moleküle, die mit einem Atemzug eingeatmet werden

22,4 Liter eines Gases enthalten

N_A=6,022*10^{23}

Moleküle. In einem Atemzug sind somit

\frac{6,022*10^{23}}{22,4}=2,69*10^{22}

Moleküle enthalten.

Anzahl der Moleküle aus Goethes letztem Atemzug

Eine gleichmäßige Verteilung vorausgesetzt sind daher

2,69*10^{22}

Moleküle aus Goethes letztem Atemzug in der Atmosphäre verteilt. Mit jedem Atemzug inhalieren wir den Bruchteil

\frac{m}{M_A}

der gesamten Atmosphäre. In jedem Atemzug befinden sich daher

N_{Goethe}=2,69*10^{22}*\frac{m}{M_A}

Moleküle aus Goethes letztem Atemzug:

N_{Goethe}=2,69*10^{22}*\frac{1,184*10^{ - 3}}{5,17*10^{18}}=6,16

In jedem Atemzug, den wir heute nehmen befinden sich gut sechs Moleküle aus dem letzten Atemzug Goethes!

Solltet ihr mir bis hierhin gefolgt sein, höre ich förmlich euren Seufzer der Erleichterung – eigentlich ein tiefes entspanntes Ausatmen.

Wann bemerkt man seinen eigenen Atem?

Ich bemerke meinen Atem in der Regel nur, wenn ich anders atme als normal. Sprich, wenn ich schneller atme, weil ich mich anstrenge, oder wenn ich flacher atme, weil ich mich anspanne. Normalerweise ist mir mein Atem nicht bewusst.

Anders ist das, wenn ich meditiere und dabei achtsam meinen Atem beobachte. Die kühle Luft zieht durch die Nasenspitze hinten am Rachen vorbei in die Lunge. Das Zwerchfell dehnt sich, Bauchdecke und Schultern heben sich. Der Atem verweilt kurz in der Lunge und nimmt dann den umgekehrten Weg und strömt – leicht erwärmt – wieder aus der Nase heraus.

Fraktale Natur

Wo ist die Grenze zwischen innen und außen? Ist es die Nase, die Luftröhre, die Bronchien der Lunge oder gar das einzelne Lungenbläschen in dem der Sauerstoff der Atemluft ins Blut übergeht? Wo ist die Grenze zwischen einem Baum und seiner Umgebungsluft. Gibt es eine Grenze zwischen dem Meer und der Küste?

Die Grenzfläche ist die Zone der intensivsten Berührung.

An ihr findet der Austausch statt – es gibt keine Ab- oder Ausgrenzung.

Alles ist mit allem verbunden.

Atmen ist ein Genuss

Das Einatmen genieße ich besonders dann, wenn die Luft angenehm riecht und frisch ist. Zur Nacht, wenn unser Hund ein letztes Mal in den Garten geht, dann weht die Luft bei uns meistens recht frisch von der See herüber und riecht ein wenig nach einer Mischung aus feuchter Erde und salziger Nordseeluft – im Sommer oft gemischt mit einem Hauch von Heu. Dann stehe ich gerne an der Haustür und atme ganz tief ein. Viele schöne Erinnerungen verbinde ich mit diesem Duft.

Das Ausatmen genieße ich insbesondere wenn sich eine Anspannung löst. Das Ende einer stressigen Situation beispielsweise bei der Arbeit begleite ich zumeist unbewusst mit einem tiefen Ausatmen – so als ob ich die ganze Last und die negativen Gefühle ausatme. Erleichterung macht sich breit.

Die Angst wegatmen

Der Sinusknoten meines Herzens ist aus nicht nachvollziehbaren bzw. nicht genauer untersuchten Gründen leicht »übertaktet«. Als Resultat schlägt mein Herz auch in Ruhe mit etwa 90 bis 100 Schlägen pro Minute.

Beruflich bedingt muss ich oft vor vielen Leuten sprechen. Dabei ist mein schneller Puls sehr hinderlich. Meine Aufgeregtheit steigt automatisch, das Herz schlägt mir bis zum Hals. Der Atem geht schneller und flacher. Ich möchte gerne flüchten – kann aber nicht.

Das Ergebnis ist ein noch schnellerer Puls und ein hektisches Vortragen meines Anliegens mit brüchiger Stimme.

Es hilft mir, meinen Puls durch richtiges Atmen zu beruhigen. Rechtzeitig vor einem Vortrag oder einem wichtigen Meeting ziehe mich zurück, setze ich mich hin – und atme.

Dabei ist es wichtig, dass die Phase des Ausatmens etwas länger ist, als die des Einatmens:

  • 4 Sekunden Einatmen
  • 1 Sekunde Pause
  • 6 Sekunden ausatmen
  • 1 Sekunde Pause

Wenn ich in diesem Rhythmus gute fünf Minuten geatmet habe, beruhigt es mich jedes Mal komplett.

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