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Sind wir immer noch Höhlenmenschen?

Höhle

Meine Realität ist nur ein Zerrbild. Deine auch?

Stell dir vor, du wärst ein Gefangener in einer geräumigen Höhle. Auf einem Stuhl sitzend, gefesselt an Schenkeln und Nacken, den Kopf fixiert, so dass du nur geradeaus schauen kannst. Seitdem du denken kannst, bist du in dieser Höhle gefesselt und blickst auf die hintere Höhlenwand. Hinter dir ist ein breiter Gang, der aus der Höhle führt – den du aber nicht sehen kannst. Die Existenz dieses Ausgangs ist dir nicht bekannt. Neben dir sitzen deine Mitgefangenen, die alle in ähnlicher Weise fixiert sind wie du, und die ebenfalls nur auf die hintere Höhlenwand schauen können.

Schattenspiele

Draußen, vor dem Eingang der Höhle brennt ein großes Feuer. Der Feuerschein erhellt die Höhle und die Wand, auf die du die ganze Zeit über blicken musst. Du siehst also nur Schatten an der Höhlenwand.

Hinter dir, in Richtung Höhlenausgang befindet sich eine Wand, halbhoch. Ähnlich wie bei einem Figurentheater tragen Menschen hinter dieser Mauer Dinge hin und her. Wie in einem Kasperltheater kannst du aber den Schatten dieser Menschen nicht sehen. Nur die Dinge, die sie hochhalten und vorbeitragen, werfen flüchtige, verschwommene Schatten auf die hintere Höhlenwand.

Wenn die Träger dieser Dinge hinter der Wand miteinander sprechen, dann hallt das Echo ihrer Gespräche von der Höhlenwand zurück, so dass du glaubst, die Schatten vor dir könnten sprechen.

Wirklichkeit, Wahrheit und Wissenschaft

Alle Gefangenen sehen, dass die Schatten sich bewegen, und auch sie hören die Gespräche. Alle zusammen seid ihr überzeugt, dass diese Schatten lebendig sind. Und alles was ihr von den Schatten seht, deutet ihr als deren Handlungen und Tätigkeiten. Alles, was ihr an der Höhlenwand sehen könnt, wird zu eurer gemeinsamen Wirklichkeit und Wahrheit.

Ihr Höhlenmenschen entwickelt eine Wissenschaft von den Schatten und versucht, Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen hinsichtlich des Auftretens, der Dauer und der Bewegungen der Schatten. Vielleicht macht ihr euch auch Gedanken, worüber sie als nächstes sprechen werden.

Lob und Ehre bekommen die Gefangenen unter euch, deren Prognosen am besten sind.

Fakt oder Fiktion? Objektive Realität oder subjektive Wahrnehmung?

Die oben skizzierte Szene stammt von dem griechischen Philosophen Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.), der es am Anfang des siebten Buches seines Dialogs Politeia von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt und ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. 1

Nun konnte Platon sicher die Mannigfaltigkeit der multimedialen Kanäle der heutigen Massenmedien gedanklich kaum vorweg nehmen, seine Szenerie in der Höhle wirkt dadurch etwas konstruiert auf uns – aber im Kern trifft sie voll zu.

Sie trifft vor allem auch auf uns und unsere heutige »Lebenswirklichkeit« zu, obschon wir nicht offensichtlich und konkret an unsere Stühle gefesselt sind.

Die bunte »lean-back« Enter- und Infotainment-Welt ist oft eine flache, inhalts- und sinnlose multimediale Feierabendunterhaltung. Die Kombination mit unserer offenbar gewordenen, tatsächlichen Unfreiheit durch eine flächendeckende Überwachung und der damit einhergehenden anmaßenden Vorverurteilung durch den Staat und seinen Geheimdienstorganen lässt uns aber tatsächlich in einem Zustand geistiger Gefangenschaft und Unfreiheit leben.

Die von uns wahrgenommene, angeblich objektive Realität ist nur ein Schattenspiel. Klick um zu Tweeten

Die von uns wahrgenommene, angeblich objektive Realität ist nur ein Schattenspiel, welches uns als verzerrtes Abbild der Wirklichkeit über die diversen Medienkanäle in unserer dunklen Höhle erreicht.

Als wahr empfinde ich, was ich als dahinterliegendes Muster im Schattenspiel glaube erkennen zu können.

An dieses Gleichnis und der Bedeutung für uns muss ich in den letzten Tagen häufiger denken, wenn Nachrichten aus der Ukraine oder aus Israel über die aktuelle Flüchtlingswelle zu mir durchdringen. Ich finde es erschreckend, mit welcher Vehemenz viele von uns, die diese Konflikte nur über die diversen Medienkanäle verfolgen können, ihre ganz persönlichen Wahrheiten mit allen Mitteln verteidigen, ihre Mitmenschen verurteilen und sich somit zum willenlosen Spielball der Puppenspieler und Strippenzieher machen.

Wer hat den Nutzen?

Wenn wir die Realität aber nur vorgegaukelt bekommen, wer hat dann eigentlich einen konkreten Nutzen davon, uns in Unkenntnis leben zu lassen? Wer schreibt die Choreografie der Puppenspieler, die mit Ihren Dingen und Dialogen die Schattenwelt unserer Höhle mit Inhalten füllen? Wer hat ein Interesse daran, dass sinnlose Preise für sinnlose Unterhaltung und sinnlose Schatten-Wissenschaft vergeben werden?

Wer hat ein Interesse daran, dass so vieles in unserem Leben sinnlos bleibt? Welche Macht haben diese Menschen über uns? Wie lässt sich diese Macht begrenzen?

Gibt es einen Ausweg?

Was passiert, wenn man dich, den Gefangenen, losbindet und aus dem Dunkel der Höhle hinaus ins Licht bringt? Du wärst im höchsten Maße verwirrt. Du würdest gegen das Licht schauen, deine Augen würden schmerzen. Nur langsam erkennst die Personen und ihre Dinge, die ihren Schatten auf die Höhlenwand projezieren, die für dich immer die Realität war.

Vermutlich hättest du Angst und würdest dich am liebsten wieder hinsetzen und in deine vertraute Wirklichkeit zurückkehren. Aber du wirst weiter nach oben gebracht und aus der Höhle geführt. Deine Augen sähen erst den Unterschied zwischen Licht und Schatten, dann erkennst du Spiegelungen auf dem Wasser und schließlich auch andere Menschen und Dinge außerhalb der Höhle.

Sonnenschein

Du würdest den Nachthimmel und die Sterne betrachten, später das Tageslicht genießen und dich schlussendlich trauen, die gleißende Sonne anzuschauen.

Du hättest die Erkenntnis gewonnen, dass die Welt wahrhaftig anders ist, als deine dir bisher vertraute Realität. Du wärst erwacht – und hättest keinen Antrieb, wieder in die Höhlenwelt zu steigen und dich mit der profanen Schattenwelt abzugeben.

Du würdest aussteigen aus deinem Hamsterrad.

Schon Platon schrieb, dass dieser Erkenntnisgewinn besser gelingt, wenn dich jemand an die Hand nimmt und dir den Weg aus der Höhle zeigt. Jemand, der dir die Angst nehmen kann oder dich durch deine Angst und Unsicherheit begleitet, die diese Transformation mit sich bringt. Bei Platon waren es die Philosophen, die diesen Weg der Erkenntnis aufzeigen – heute sind es Berater, Coaches, Therapeuten oder spirituelle Lehrer. Über sie und das Vertrauen in ihre Arbeit, erlangst du Erkenntnis über die wahre Natur der Dinge.

Du selbst entziehst dich dem perfiden Schattenspiel in der Höhle und entgehst der Einflussnahme und Propaganda derer, die dich in Unkenntnis leben und sterben lassen wollen. Du bist nicht mehr auf sie und ihre Weltanschauung angewiesen.

Dilemma

Das Dilemma tritt dann auf, wenn du für dich Erkenntnis erlangst, aber deine Umwelt das nicht nachvollziehen kann. Auch Platon beschreibt das in den Nachsätzen seines Gleichnisses: wenn du als Erkennender in die Höhle zurück gehst, dann brauchen auch hier deine Augen und Sinne eine Weile, um sich wieder der Dunkelheit anzupassen.

Du nimmst Platz auf deinem Stuhl in der Höhle und schaust dir die Schattenspiele an. Weil du dich noch nicht so schnell an diese Situation anpassen kannst, bist du deutlich schlechter als deine Mitgefangenen im Erkennen und Voraussagen der Schattenspiele. Du wirst verspottet und verhöhnt von den anderen. Sie müssen das Gefühl bekommen, dass dein Weg aus der Höhle heraus ein Irrweg war, weil du nun schlechter als sonst in der Höhlengesellschaft klarkommst. Für sich selbst mögen die Mitgefangenen denken, dass sie nie im Leben deinen Weg der Erkenntnis gehen wollen.

Mut

Fassen wir aber dennoch den Mut, uns selbst von den Fesseln in der Höhle zu befreien oder uns befreien zu lassen, dann werden wir zu einem freiheitlich denkenden, bewussten und selbständigen, aber mit allem verbundenen Menschen, der sich den ewig kontrollierenden, immer machtgierigeren und manipulativen Puppenspielern nicht unterwirft.

Was kann es besseres geben?

2 Kommentare

  1. Swantje Sa sagt

    Wenn wir uns nicht fortbewegen (können) und auch den Blick nicht verändern (können), werden wir in unserer (Lebens-)Höhle verharren (und erstarren). Unsere einzige Chance ist die Lebendigkeit und Phantasie unserer Gedanken, die uns Visionen erlauben.

  2. Swantje Sa sagt

    … im Vorteil ist derjenige, der zu Ende liest (und nicht in der Höhle bleibt).
    Wer die Höhle als Realität annimmt und sich von dem Schattenspiel(-Geplänkel) vereinnahmen lässt, hat nur eine Chance auf die eigene Freiheit, wenn er an die Hand genommen und vom Dunkeln ins Licht geführt wird. Es braucht aber die eigene Sehnsucht danach.

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