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Weisheit des ungesicherten Lebens

Wasserfall

Vor kurzem habe ich einen Text von Alan Watts gelesen, der mich zum Nachdenken brachte und den ich euch nicht vorenthalten möchte.

Alan Watts (1915 – 1973) war ein populärer philosophischer Autor der Postmoderne. Seine Schriften reflektieren die kulturellen und psychischen Begrenzungen, die er in Großbritannien erfahren hatte. Trotz der Bildungschancen, die ihm durch die Schulen in seiner Kindheit eröffnet worden waren, empfand er den allgemeinen kulturellen Einfluss, insbesondere im religiösen Bereich, als restriktiv und repressiv. Seiner Meinung nach hatte sich die westlich-christliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte auf eine Art und Weise entwickelt, die der menschlichen Natur als solcher skeptisch gegenübersteht, die das Wesen des Menschen unterdrückt und ihn von einem ganzheitlichen, naturbezogenen Weltbild entfremdet, anstatt ihn zu lehren; sein wahres Wesen zu erkennen und im Hier und Jetzt zu leben. 1

1951 – also vor nun mehr 64 Jahren – schrieb er sein Buch »Weisheit des ungesicherten Lebens« und formulierte seine Thesen über die Hetze im Leben des modernen Menschen.

»Als Folge davon ist unsere Zeit eine der Fruchtlosigkeit, der Angst, der Aufregung und der Neigung zu »Betäubung«. Irgendwie müssen wir zu erhaschen versuchen, was wir nur können, solange wie es können, und die Erkenntnis betäuben, dass alles nichtig und sinnlos ist. Diese Betäubung nennen wir dann unseren hohen Lebensstandard, eine gewaltsame und vielfältige Anregung der Sinne, die sie fortschreitend immer weniger empfindsam macht, so dass sie eines stets noch stärkeren Anreizes bedürfen.«

An diesem unbefriedigenden Leben wird dennoch von den meisten Menschen mit aller Kraft festgehalten.

»Um diesen »Standard« aufrechtzuerhalten, sind die meisten von uns bereit, ein Leben hinzunehmen, das vorwiegend darin besteht, mit langweiligen Betätigungen genügend Mittel zu erwerben, um in der Zwischenzeit hektischen und teuren Vergnügungen nachzugehen, die vorübergehende Erleichterung der Langeweile mit sich bringen. Diese Unterbrechungen hält man für das richtige Leben, für den eigentlichen Zweck, dem das notwendige Übel der Arbeit dient.«

Das menschliche Gehirn ist maßgeblich beteiligt an unserer Sicht auf die Welt und unser Verhalten als Reaktion auf die von uns wahrgenommene Umwelt.

»Fraglos trägt das empfindsame menschliche Gehirn zur Bereicherung des Lebens in unvorstellbarem Maß bei. Jedoch zahlen wir dafür einen teuren Preis; denn das Mehr an Empfindlichkeit macht uns auch entsprechend mehr verletzbar.«

Im Gegensatz zu den meisten Tieren lebt und denkt der Mensch nicht in der Gegenwart, sondern entweder in einer bereits erlebten Vergangenheit oder einer noch nicht geschriebenen Zukunft.

»Das wirkliche Problem kommt nicht aus der augenblicklichen Empfindlichkeit dem Schmerz gegenüber, sondern von unserem erstaunlichen Erinnerungsvermögen und unserer Voraussicht; kurz gesagt, von unserem Bewusstsein der Zeit.«

»Die Macht der Erinnerungen und Erwartungen ist derart wirklich, dass für die meisten Menschen Vergangenheit und Zukunft noch wirklicher sind als die Gegenwart. Die Gegenwart kann nicht glücklich gelebt werden, wenn die Vergangenheit nicht bereinigt und die Zukunft nicht hell mit Versprechungen ist.«

»Da das, was wir von der Zukunft wissen, aus rein abstrakten und logischen Elementen – Folgerungen, Vermutungen und Deduktionen – hergeleitet ist, kann es weder gegessen, gefühlt, gerochen, gesehen, gehört noch irgendwie anders genossen werden.«

»Ihr nachzujagen bedeutet, einem ständig zurückweichenden Phantom nachzujagen, und je schneller du nacheilst, desto schneller läuft es davon. Daher sind alle Angelegenheiten der Zivilisation gehetzt, genießt keiner, was er hat, und sucht jeder beständig nach mehr.«

Mit analytischer Genauigkeit kommt Alan Watts zu seinen gesellschaftskritischen Schlussfolgerungen, die – im Grunde genommen – auch und gerade heute noch uneingeschränkt gelten.

»Infolgedessen ist die gehirnbeherrschte Wirtschaft, die dieses Glücklichsein hervorzubringen bestimmt ist, ein phantastischer Kreislauf, der entweder immer weitere Freuden hervorbringen oder zusammenbrechen muss, der Ohren, Augen und Nervenenden mit dauerndem Kitzel versorgen soll, mit einer unaufhörlichen Flut von Geräuschen, denen man nicht entrinnen kann, und mit äußerer Ablenkung. Das vollkommene Objekt für die Ziele dieser Wirtschaft ist ein Mensch, der andauernd die Ohren mit Radio füttert, vorzugsweise sogar mit einem tragbaren, damit er es zu jeder Stunde und an jedem Platz mit sich führen kann. Seine Augen huschen ruhelos vom Fernsehschirm zur Zeitung oder Illustrierten und halten ihn in einer Art dauernder ungelöster Erregung mittels einer Reihe verlockender Augenblicksbilder glitzernder Autos, glänzender Frauenkörper und sinnenreizender Eindrücke, zwecks Wiederherstellung der Empfindlichkeit, untermischt mit Schockbehandlungen durch Vorführungen von Momentaufnahmen von Verbrechern im Alltagsleben, verstümmelten Leichen, zerstörten Flugzeugen, Boxkämpfen und brennenden Häusern. Begleitartikel und Reden dazu sind aus ähnlichem Stoff, anreizend, ohne zu befriedigen; jeder teilweise Genuss verschwindet vor einer neuen Begierde. Denn dieser fortgesetzte Strom von Anregungen soll das Verlangen nach immer mehr vom Gleichen wecken, nur noch schneller und noch lauter, und diese Begierden treiben uns zur Arbeit an, um nichts als des Geldes willen, das sie abwirft, und mit dem wir noch verschwenderischer Radioapparate, glänzendere Autos, noch farbigere Magazine und bessere Fernsehapparate kaufen können, alles das, was uns in seiner Gesamtheit irgendwie überzeugen wird, dass das Glück gleich um die Ecke wohnt, wenn wir nur noch etwas kaufen. Trotz des Riesentumultes und der nervösen Spannung sind wir überzeugt, dass der Schlaf nur Verschwendung wertvoller Zeit ist, und werden nicht aufhören, diesen Phantasiegebilden bis in die Nacht hinein nachzujagen.«

Die Lösung ist so einfach einzusehen – und doch so schwer umzusetzen.

»Aber du kannst das Leben und seine Geheimnisse nicht verstehen, solange du es zu fassen suchst. Ja, du kannst es gar nicht ergreifen, ebenso wenig wie du einen Fluss im Eimer davontragen kannst. Wenn du versuchst, fließendes Wasser in einem Eimer einzufangen, so zeigt das, dass du es nicht verstehst und dass du immer enttäuscht sein wirst, denn im Eimer fließt das Wasser nicht.«

»Um fließendes Wasser zu haben, musst du es loslassen, musst du es fließen lassen. Dasselbe gilt für das Leben (…).«

Um fließendes Wasser zu haben, musst du es loslassen. Dasselbe gilt für das Leben. Klick um zu Tweeten

Artikelbild: Rosel Eckstein  / pixelio.de

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