Buddhismus, Spiritualität
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Alles ist im Wandel

Alles ist im Wandel

Das Buch Buddhismus für den Alltag: Mit entspannter Aufmerksamkeit durch den Tag von Irmentraud Schaffer gab mir den Anstoß für diesen Blogpost. In dem Buch zeigt die Autorin, wie wir Erkenntnisse und Einsichten des Buddhismus direkt in unserem Alltag erfahren können – ohne Meditationskissen und ohne ein Übermaß an abstrakter Theorie.

Eine Woche lang habe ich mehr oder weniger intensiv über einen bestimmten Aspekt des Buddhismus nachgedacht und die von der Autorin gestellten Fragen dazu beantwortet.

1. Woche: Alles ist im Wandel – Auge in Auge mit der Vergänglichkeit

Vor Jahren schon habe ich ein „Kultbuch der Vergänglichkeit“ für mich entdeckt. Der holländische Autor und Biologe Midas Deckers hat sich in seinem Buch An allem nagt der Zahn der Zeit: Vom Reiz der Vergänglichkeit mit dem Thema „Vergänglichkeit“ auseinander gesetzt:

Der Mensch, das ist nicht Geist, Moral und derlei immaterielles Gespinst. Der Mensch, das ist: Wasser für 60 Kannen Kaffee, Phosphor für 50 Schachteln Streichhölzer, genug Eisen für einen Nagel, ausreichend Kalium für eine Rolle Zündplättchen, so viel Kalk, dass man einen Hühnerstall damit weißeln könnte. Und dieses wundersame Gemisch, ein paar Zutaten haben wir weggelassen, ist ein ständiger Prozess des Werdens und Vergehens, bis ihm Alter und Verfall am Ende den Garaus machen.

Midas Dekkers beschreibt in dem Buch seine Sicht auf den Menschen aus der Perspektive eines Materialisten. Er verleugnet nahezu jede spirituelle Komponente des Lebens. Noch vor ein paar Jahren hätte ich ihm wohl – vor dem Hintergrund meines eigenen Biologie-Studiums – Recht gegeben. Heute aber bin ich davon überzeugt, dass Midas Deckers, wie so viele andere „Natur“wissenschaftler, zu kurz denkt.

Was er in seinem Buch als zwangsläufiges Ende beschreibt, ist nur die Vergänglichkeit unserer menschlichen Hülle. Und selbst diese Hülle ist wohl eher einem Wandel unterworfen, denn einer echten Auflösung.

Wer nach Jahren des Dahinmoderns als frischer Regenwurmdung wieder das Licht der Welt erblickt, mag zwar augenscheinlich wenig Menschliches an sich haben, nimmt aber dennoch einen wichtigen Platz in der Welt ein. Klick um zu Tweeten

Wer nach Jahren des Dahinmoderns als frischer Regenwurmdung wieder das Licht der Welt erblickt, mag zwar augenscheinlich wenig Menschliches an sich haben, nimmt aber dennoch einen wichtigen Platz in der Welt ein.

Als ich anfing, eine Woche lang über das Thema „Alles ist im Wandel“ und über die Omnipräsenz der Vergänglichkeit im Alltag nachzudenken, habe auch ich zunächst an mein eigenes Ableben denken müssen. Wer würde das nicht?

Der Tod gehört zum Leben

Mit dem Tod mir bekannter Menschen habe auch ich immer wieder meine Erfahrungen machen müssen:

  • eine Mitschülerin starb an einem Hirntumor
  • ein Mitschüler auf dem Gymnasium starb als Bluter an einer HIV-verseuchten Blutkonserve
  • nach dem Abitur erlag eine Mitschülerin in Marokko nach einem Unfall ihren schweren Verletzungen
  • ein weiterer Mitschüler brach später mit einem Herzinfarkt während eines Handballspiels zusammen
  • meine Patentante starb, als ich 19 war
  • einer meiner Opas starb an Krebs
  • der andere Opa an einer Lungenentzündung
  • bei meinem Vater kann ich wählen, ob ich Leberzirrhose oder Speiseröhrenkrebs als Todesursache nenne
  • meine Oma hatte mit 93 Jahren keine Lust mehr, weiterzuleben – und hörte einfach auf, zu atmen
  • und Anfang 2013 starben mein Schwiegervater, meine Schwägerin und mein Schwager

Als Kind lag ich früher nachts häufig wach und stellte mir den Tod vor. Nichts mehr empfinden. Nichts mehr fühlen. Kein Bewusstsein haben. Nicht atmen, nie mehr präsent sein. Für immer im Nichts gefangen. Diese Vorstellung bereitete mir unglaubliche Angst, so dass ich nicht einschlafen wollte – ich hatte ernsthaft die Sorge, am nächsten Tag nicht wieder aufzuwachen.

Heute ist das glücklicherweise anders. Für mich ist mein Leben nur eine Phase. Natürlich wünsche ich mir, dass diese Phase noch ein gute Zeit lang anhält. Aber die Zeit nach meinem Tod erscheint mir heute ähnlich sorgenfrei wie meine Zeit, die ich vor meiner Geburt verbrachte.

Beim genaueren Hinsehen hatte ich als Kind nur Angst vor einem möglichen qual- und schmerzvollen Akt des Sterbens an sich und oft machte ich mir auch Sorgen um die, die ich zurück lasse. Beide Ängste sind aber im Kern unbegründet. Im Zweifel werden die Fortschritte in der Palliativmedizin bei den meisten von uns für ein nahezu schmerzfreies Ableben sorgen. Und ich selbst bin doch zu Lebzeiten verantwortlich für ein intensives, bewusstes und sinnreiches Leben mit den Menschen, die ich liebe.

Was ist dir wichtig?

Fragt euch doch in einer Stillen Minute einmal, was ihr machen würdet, wenn euch ein Arzt morgen mitteilt, dass ihr nur noch ein Jahr zu leben hättet? Was wäre euch dann noch wichtig?

Fragt euch doch in einer Stillen Minute einmal, was ihr machen würdet, wenn euch ein Arzt morgen mitteilt, dass ihr nur noch ein Jahr zu leben hättet? Klick um zu Tweeten

Würdet ihr reisen? Würdet ihr euch in Arbeit stürzen? Würdet ihr lethargisch im Sessel sitzen und auf euer Ende warten? Würdet ihr mehr Bücher lesen? Oder mehr Zeit mit Menschen verbringen, die euch viel bedeuten?

Und dann fragt euch, welchen Grund es gibt, dass ihr das nicht schon jetzt macht.

Alles ist mit allem verbunden

Als Biologe ist es für mich dabei noch in gewisser Weise eine tröstliche und auch sehr spannende Vorstellung, Teil eines vernetzten Universums zu sein. Alles ist mit allem verbunden.

Ich möchte jedenfalls nicht, nur um den biologischen Zerfall unnötig aufzuhalten, in Folie verpackt und in einem schweren Eichensarg versenkt, mein totes Dasein beginnen. Ein Begräbnis ohne Kunststoff oder Holz in einer biologisch abbaubaren Urne aus Pappe wäre klasse – so könnte ich dem Kreislauf der Natur ohne zeitlichen Verzug schnell zur Verfügung stehen. Aufhalten lässt sich dieser Vorgang des Recycelns eh nicht.

Dieser Kreislauf der Stoffe, der stetige Wandel, ist ja weit umfassender als wir es uns in der Regel bewusst machen:

So wurden kurz nach dem Urknall wohl alle heute verfügbaren Wasserstoffatome gebildet. Knapp 10% des menschlichen Körpergewichts entfallen auf Wasserstoff. Wenn ihr zu den „Norm“-Menschen gehört, dann sind das also gute 7,5 kg – in meinem Falle sind es vielleicht ein paar wenige Kilos mehr – die damit bereits knapp 14 Milliarden Jahre alt sind.

In gut 4 Milliarden Jahren wird auch unserer Sonne der Brennstoff ausgehen. Dann wird der Innendruck so groß, dass sie sich als roter Riese die inneren Planeten – auch die Erde – einverleibt. Vielleicht werden dann Teile von mir und von euch durch den Sonnenwind in weit entfernte Bereiche unseres Sonnensystems transportiert und wir werden gemeinsam als Polarlicht auf dem Uranus leuchten?

Wir sind vergänglich, aber nur durch diesen Wandel existieren wir konstant über Zeit und Raum hinweg. Jeder von uns existiert seit Ewigkeiten – für eine weitere Ewigkeit. Zeit spielt keine Rolle.

Eine alte Buche mag 250 bis 300 Jahre alt sein. Gemessen an unserer eigenen Lebensspanne, erscheint uns der Baum als eine konstante Erscheinung, über 12 Menschen-Generationen hinweg . Aber ist er das wirklich? Abgesehen vom jahrelangen Wachstum in die Höhe und in die Breite ändert sich sein Aussehen auch im Lauf der Jahreszeiten. Im Winter tragen die meisten Bäume bei uns keine Blätter, die Äste sind kahl. Alle alten Blätter verrotten unten am Stamm auf dem Boden. Igel können sich darin eingraben und Winterschlaf halten. Im nächsten Frühjahr wachsen die ersten kleinen Blätter – ein frisches, helles Grün umgibt die Äste. Vögel fangen an im Geäst zu zwitschern. Im warmen Sommer spenden uns die großen, ausgewachsenen Blätter desselben Baumes Schatten. Zu viel Hitze und Trockenheit lässt sie aber brüchig werden. Und im Herbst verlieren die Blätter ihr Grün – nur um in einem Rausch von Farbe zu vergehen. Von Grün über Gelb zu Orange nach Rot – bis hin zu Braun. Der Baum sammelt dabei alle notwendigen Farbstoffe als Reserve für das nächste Jahr.

Zuversicht im Wandel der Jahreszeiten.

Wer bist du?

Und selbst wir, die wir morgens in den Spiegel schauen und mit allerlei Cremes und Wässerchen unseren Status Quo erhalten wollen, sollten daran denken, dass unser jetziger Zustand nur ein dynamisch aufrechterhaltenes Gleichgewicht ist:

  • die Zellen, die den Dünndarm auskleiden, überleben ganze zwei Tage
  • die Schleimhaut des Magens wird jede Woche komplett ausgetauscht
  • die Oberfläche der Lunge wird alle acht Tage erneuert
  • die Zellen im Dickdarm leben insgesamt auch nur 10 Tage
  • unsere äußere Hautschicht erneuert sich im Mittel alle vier Wochen
  • die Riechzellen unserer Nase überleben zwei Monate
  • auch die Zellen des Skeletts werden regelmäßig ersetzt, alle 10 Jahre erfolgt so eine komplette Rundumerneuerung
  • Muskelzellen erreichen eine durchschnittliche Lebensdauer von 15 Jahren

Im Mittel gerechnet sind wir alle 7 bis 10 Jahre auf zellulärer Ebene einmal komplett erneuert.

Wer sind wir also wirklich?

Das, womit sich unser Ego identifiziert, soll am besten immer gleich bleiben. Wir verteidigen deshalb mit großer Energie

  • unseren Besitz
  • unseren Ruf
  • unsere Meinung

Meistens versuchen wir, Veränderungen entweder aufzuhalten oder sie zu beschleunigen, anstatt zu akzeptieren, dass sie ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens sind und das sich der Wandel und sein Tempo zumeist unserer Kontrolle entziehen.

Am meisten berührt mich die Unbeständigkeit allen Seins, wenn es schutzbedürftige Kinder sind, die leiden oder gar sterben müssen. Das erscheint mir immer noch sinnlos und unfair. Was hätte aus diesem kleinen, unschuldigen Menschen nicht alles werden können? Welche Freude, welche Erkenntnisse hätte dieser Mensch im Laufe seines Lebens hier erfahren und bringen können?

Mit dem Tempo des Wandels bin ich einverstanden, wenn sich Dinge zu meinem Gunsten ändern. Die Gehaltserhöhung, die unverhofft ansteht oder die Genesung nach einer Krankheit, da kann es nicht schnell genug gehen.

Ich wünschte, folgende Situationen (aus den Zielen von Attac) würden sich schneller zum Besseren verändern:

  • die Ausrichtung unserer Politik an den Leitlinien von Gerechtigkeit, Demokratie und ökologisch verantwortbarer Entwicklung
  • das Ende der Militarisierung der Außenpolitik durch die Industrieländer, eine größere Rolle für Friedensinitiativen und Diplomatie
  • die Demokratisierung der Institutionen der Globalisierung (WTO, IWF, Weltbank, transnationale Konzerne, Investmentfondgesellschaften usw.).
  • die Demokratische Kontrolle und Regulierung der internationalen Märkte für Kapital, Güter und Dienstleistungen
  • die Schließung von Steueroasen, das Verbot von hochspekulativen Fonds (Hedge-Fonds) an der Börse
  • die stärkere Besteuerung von Kapitaleinkünften und großen Vermögen
  • die Lösung der Schuldenkrise der Entwicklungsländer
  • die Wahrung demokratischer Grundrechte wie Demonstrationsrecht und freie Meinungsäußerung
  • der Abbau global geltender Regelwerke, zurück zu transparenten Entscheidungen auf lokaler / regionaler Ebene

Ich wünschte, Nichts würde sich nie verändern – denn es könnte ja noch besser werden!

Vergänglichkeit bedeutet für mich Raum für Neues!

Wandel bedeutet für mich Konstanz!

Wirklich wichtig ist für mich in meinem Leben ein sinnvolles Leben mit meiner Familie!

Und für dich?

Dieser Artikel erschien bereits am 03.12.2013 auf meinem Blog. Nach dem Redesign und dem Re-Fokus von snowinsoho habe ich entschieden, ihn erneut zu publizieren.

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