Biologie, Natur
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Dafür kann ich nichts! Das sind die Gene!

Oder: Warum die guten Vorsätze zum neuen Jahr nicht immer erfolgreich sind…

Wer kennt das nicht? Gerade jetzt am vergangenen Silvester haben wir vielleicht wieder eine Fülle von guten Vorsätzen für das neue Jahr getroffen:

  • Ich mache mehr Sport.
  • Ich werde gesünder essen.
  • Ich reduziere mein Gewicht.
  • Ich rauche nicht mehr.
  • Ich trinke nicht mehr.
  • Ich lasse mich endlich auf die Krebsvorsorge ein.
  • Ich arbeite weniger.
  • Ich lebe mehr.
  • Ich sehe weniger TV.
  • Ich lese mehr.
  • Ich spiele mehr mit meinen Kindern.
  • Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Frau / meinem Mann.
  • Ich lache mehr.
  • Ich weine mehr.
  • Ich genieße mehr.
  • etc.pp.

Viele dieser guten Vorsätze sind allerdings oft bereits innerhalb des Januars wieder vergessen. Der Alltag holt uns ein. Wir schaffen es nicht, aus den paar Malen in denen wir unser Verhalten änderten, eine neue Gewohnheit werden zu lassen. Statt dessen fallen wir wieder in unser altes Muster.

Und weil wir unsere Vorsätze an Silvester oft vor Freunden oder vor der Familie in trunkener Sektlaune lauthals verkündet haben, beginnt ab jetzt das Spießrutenlaufen:

»Sag mal, ich habe gehört, du hast nach drei Tagen im Fitness-Studio schon wieder das Handtuch geschmissen? Du sagtest doch, du willst mehr Sport machen, um deinen Kugelbauch loszuwerden!«

»Ach, ich kann nichts dafür! Das sind meine Gene! Mein Opa hatte schon diesen Bauch und auch mein Vater sah so aus, wie ich heute. Und die haben körperlich viel schwerer arbeiten müssen als ich. Da kann ich mich noch so anstrengen, da kann ich nichts machen!«

Sind wir wirklich das Opfer unserer Gene?

Was wäre das für eine trostlose Welt. Zwei Menschen fühlen sich zueinander hingezogen, lieben sich, zeugen ein Kind und die Gene dieser Eltern sollen ein für alle Mal bestimmen, was aus diesem Kind einmal wird?

  • gesund – krank
  • schlau – dumm
  • dick – dünn
  • groß – klein
  • beliebt – unbeliebt
  • kreativ – oder eben nicht

Alles nur eine Frage der Basensequenz in der DNA?

DNA Doppel-Helix, von Jerome Walker [Public domain], via Wikimedia Commons

Wie ich bereits in meinem Beitrag über die vier Legenden der Schulbiologie schrieb, wird mehr und mehr deutlich, dass dieses reduktionistische Modell der Vererbung nicht mehr zu halten ist.

Wenn die Gene wirklich unser Leben bestimmen und uns quasi den Weg vorgeben würden, wenn sie tatsächlich verantwortlich sein sollten für Wohl und Wehe unseres Seins und dabei alles Lebendige in uns steuern und somit also unsere »Schaltzentrale« sein würden, dann würden wir den Genen im übertragenen Sinne die Bedeutung eines zellulären »Gehirns« geben.

Ist das zelluläre »Gehirn« aber wirklich das passende Modell für die Rolle der Gene?

Vielleicht hilft eine analoge Betrachtung weiter. Was passiert, wenn unser Hirn seine Arbeit einstellt? Was passiert, wenn ein Schlaganfall weite Teile unseres Gehirns schädigt? Was würde passieren, wenn man uns das Gehirn heraus operieren würde? Wir sterben! Das völlige Fehlen von Aktivität im Gehirn ist seit 1968 in unserer Gesellschaft zu Recht als untrügliches Zeichen des eingetretenen Todes akzeptiert.

Was passiert aber, wenn man den Zellen ihr angebliches »Gehirn« nimmt? Was passiert mit der Zelle, wenn man die im Zellkern vorkommende DNA komplett entfernt?

Überraschenderweise passiert erst mal gar nicht viel! Tatsächlich können entkernte Zellen ohne ihre DNA monatelang ohne Einschränkung von Bewegungsfähigkeit, Nahrungsverdauung, Abfallausscheidung, Gasaustausch, Kommunikation mit anderen Zellen und andere Antworten auf ihre Umwelt überleben – alles ohne ihre Gene.

Einen Hinweis auf das wahre »Gehirn« der Zellen liefert die Stammzellenforschung

Als Stammzellen werden Körperzellen bezeichnet, die sich zu verschiedenen Zelltypen oder Geweben ausdifferenzieren können. Sie haben das Potenzial, sich in jegliches anderes Gewebe zu entwickeln.

Stammzellen sind untereinander genetisch identische Klone. Alle besitzen die absolut gleichen Gene.

Was aber ist notwendig, damit sich die eine Stammzelle in Muskelgewebe, die andere in Lebergewebe oder wiederum eine andere in Knochengewebe entwickelt?

In Laborversuchen erhält man eine sehr einfache Antwort: Stammzellen differenzieren sich in unterschiedlichen Nährmedien zu unterschiedlichen Zelltypen aus!

„Images stem cell puripotency“ von [1] - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Images stem cell puripotency“ von [1]Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Die Umwelt ist also für den Entwicklungsweg einer Stammzelle verantwortlich!

Die Umgebung der Zelle bestimmt ihre Differenzierung, ihre Ausprägung – nicht die Gene.

Das »Gehirn« der Zelle

Die Zelle ist durch eine Zellmembran von Ihrer Umgebung getrennt. Die Membran ist dabei nicht einfach durchgängig für alle möglichen Stoffe aus der Umgebung der Zelle.

Rezeptor- oder Antennenproteine in der Zellmembran, die selektiv auf bestimmte Signalstoffe ansprechen, steuern bestimmte Kanalproteine, welche auf diesem Wege sehr gezielt Stoffe aus der Umwelt in die Zelle (und umgekehrt) passieren lassen.

Der Zeltbiologe Bruce Lipton charakterisierte die Membran einer Zelle sehr treffend.

»Und ich begann das alles und ganz plötzlich zu erkennen, ich realisierte, dass die Zellmembran per technischer Definition ein Flüssigkristall-Halbleiter mit Toren und Kanälen ist. Und damals, im Jahr 1980, dachte ich, dass ich die Definition schon mal gehörte hatte, aber ich wusste nicht wo. Aber dann habe ich herausgefunden, das ist die Definition eines Computer-Chip. Und ich dachte, »Oh meine Güte, die Zellen sind programmierbare Bausteine.« Der Kern hat alle die Programme in sich, das ist, was die Gene sind: Programme. Aber der Prozessor ist die Membran, die wie ein Computer-Chip ist. Und die Umwelt ist wie der Programmierer, die auf der Oberfläche der Zelle die Informationen eingibt – wo die Antennen sind. Die Informationen werden von den Antennen aufgenommen und steuern dann die Aktionen der Zellen.« Bruce Lipton

 

Die Zellmembran entspricht in Ihrer Funktionsweise einem Computerchip. Hier werden Entscheidungen umgesetzt, welche Signalstoffe aus der Umwelt zu Wirkungen in der Zelle führen.

Die Gene sind nur der Speicher für die Programme, die durch die Signalstoffe der Umgebung in der Zelle abgerufen werden.

Wie oben, so unten – die fraktale Natur

Das Wesen der Natur ist fraktal, also »selbstähnlich«. Auf allen Ebenen der Natur findet man ähnliche Strukturen. Wenn ich den Maßstab nicht kenne, fällt es schwer zu unterscheiden, ob ich ein Atomkern mit den umgebenen Elektronen betrachte oder ein Sonnensystem. Die Struktur unseres Nervensystems hat frappierende Ähnlichkeiten mit den Filamenten der dunklen Materie im Universum.

Romanesco, von Rlunaro (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Romanesco, von Rlunaro (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Wir sind eine harmonische Gemeinschaft von etwa 100 Billionen Körperzellen, jede einzelne Zelle ein vollständiger Organismus.

Auch unser Körper benötigt, wie die Zelle, ein Gehirn mit Filterfunktion – analog zur Zellmembran. Interessanterweise entsteht in der Embryonalentwicklung das Nervengewebe unseres Gehirns und unseres Rückenmarks ebenso wie unsere Haut aus dem gleichen Gewebe – dem Ektoderm.

Unsere Sinnesorgane – Augen, Ohren, Nase, Mund, Haut – entsprechen den Antennenmolekülen auf der Zellmembran. Sie registrieren in unserer Umgebung die Signale.

Was aber entscheidet, welche Signale relevant sind, die dann weitergeleitet werden und zu entsprechenden Reaktionen im Körper führen? Unser großer Filter – das Gehirn!

Genauer gesagt, streichen all die Dinge von denen wir überzeugt sind – unser Glaubenssystem – den Filter unseres Gehirns in eine Farbe.

Ob wir also die Welt durch eine rosarote oder graue Brille sehen, hängt zum größten Teil von unseren Gedanken und Werten ab.

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Talmud

 

Unser Gehirn ist perfekt darin, nur die Art von Signalen aus unserer Umwelt wahrzunehmen, die unser bisheriges Glaubenssystem unterstützen.

Was mache ich nun mit meinen Neujahrsgrundsätzen?

Dass wir nach ein paar Bemühungen unsere guten Vorsätze wieder über den Haufen schmeissen, liegt also gewiss nicht in unseren Genen. Wir können nicht unsere Eltern oder Großeltern dafür verantwortlich machen. Dass wir in unser altes Muster zurück fallen, liegt vor allem daran, dass wir es nur mit etwas Mühe schaffen, neue Gewohnheiten zu entwickeln.

Wie uns das gelingt, beschreibe ich im nächsten Beitrag.

Artikelbild: Bolshoi Simulation

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